Auf schmaler Spur von St. Muhrtal nach Solis

St. Muhrtal bedeutet für Normalspurzüge immer Endstation. Wer mit der Eisenbahn weiterreisen will, muss hier auf die schmalspurigen, aber nicht minder komfortablen Züge der Rhätischen Bahn (RhB) umsteigen. Deren Züge warten stets gut gepflegt an den Perronkanten 1 - 3 in der imposanten Bahnhofhalle.

 

Heute statten Peter und sein nicht minder eisenbahnbegeisterter Onkel Max der „Kleinen Roten“ - wie die RhB von der einheimischen Bevölkerung liebevoll genannt wird - einen Besuch ab. Onkel Max hat sich zu Peters 10. Geburtstag eine besondere Überraschung ausgedacht. Peter hat lediglich eine Ansichtskarte mit einem RhB-Motiv vom Bahnhof Solis erhalten. Mehr hat er an der Geburtstagsfeier vor wenigen Wochen nicht preisgegeben. Seither hat sich Peter in jeder freien Minute überlegt, was sich Onkel Max Spezielles für ihn ausgeheckt hat… Doch davon später. Nach der Ankunft mit dem Interregio aus Wassen nutzen die beiden Eisenbahnenthusiasten vor ihrer Abreise in die Berge die Zeit, um sich auf dem frisch renovierten und modernisierten Bahnhof St. Muhrtal umzusehen. Besondere Aufmerksamkeit zieht der rege Rangierbetrieb im Vorbahnhof auf sich. Die Zeit vergeht ob der vielen Impressionen wieder einmal viel zu schnell; die Abfahrt des Schnellzuges der RhB naht. Neffe und Onkel begeben sich auf Gleis 2. Onkel Max führt Peter zu seinem Erstaunen an sämtlichen Wagen des blitzblank geputzten Zuges vorbei zur Lokomotive. Zur Peters Freude ist der Zug heute mit der Steinbocklokomotive bespannt, der Werbelok eines grossen Zementwerkes. Von der Ge 4/4 III schiesst Peter mit der integrierten Kamera ein neues Hintergrundbild für sein Handy. Unterdessen begrüsst Onkel Max den Lokführer. Nach wenigen Worten wendet sich der Lokführer an Peter und heisst ihn zusammen mit Max im Führerstand Platz zu nehmen. Völlig überwältig von dieser Überraschung, die er seinem Onkel wohl nie vergessen wird, klettert Peter mit leuchtenden Augen in den Führerstand.

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Kaum haben alle drei ihren Platz eingenommen, springt bereits das Ausfahrsignal auf grün und gibt die vor ihnen liegende Strecke nach Burgfelden frei. Begeistert beobachtet Peter den Lokführer, wie dieser nach erteiltem Abfahrbefehl den Zug mit zwei Joysticks in Bewegung setzt. Langsam rollt der Zug am Vorbahnhof und der normalspurigen Einfahrt in den Tiefbahnhof von St. Muhrtal entlang. Bereits nach der letzten Weiche passiert der Zug den ersten kurzen Tunnel. Unsere Bahnhelden befinden sich bereits mitten in einer gebirgigen Landschaft. Linkerhand steigt das Gelände steil und felsig an. Die RhB folgt hier für eine kurze Distanz der doppelspurigen SBB-Linie und der ruhig dahin fliessenden Muhr. Doch kündet sich bereits der nächste Tunnel an. Wie Peter bei seinem Kartenstudium entdeckt hat, muss der Zug bis zum nächsten Halt in Burgfelden in dem enger werdenden Tal eine Höhendifferenz von fast 40 Metern überwinden. Die Bahnbauer lösten dieses Problem mit einem Kehrtunnel. Gleich nach dem Tunnelende befährt der Zug eine gebogene Steinbrücke. Peter erheischt einen kurzen Blick auf die Normalspurstrecke nach St. Muhrtal und die Muhr. Vor der Frontscheibe taucht bereits das rot zeigende Einfahrsignal von Burgfelden auf.

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Der Lokführer erklärt, dass sie einen SBB-Zug abwarten müssten, der vor ihnen die niveaugleiche Kreuzung der beiden Bahngesellschaften befahren werde. Tatsächlich rauscht bereits wenig später ein mit einer Re 6/6 bespannter, gemischter Güterzug vorbei. Nachdem der letzte Wagen die Kreuzung passiert hat, wechselt das Einfahrsignal auf Grün-Gelb. Der Zug fährt in Burgfelden auf Gleis 2 ein, wo ihn der Lokführer mit quietschenden Bremsen zum Stehen bringt. Auf Gleis 1 wartet bereits der gut besetzte Glacier Express auf seine Weiterfahrt nach St. Muhrtal. Peter nutzt den Halt, um dem Lokführer Fragen über die Steuerung der Ge 4/4 III zu stellen. Die mit einer Kransteuerung vergleichbare Anordnung der Fahr- und Bremshebel fasziniert Peter vollends. Auch Onkel Max hört den Ausführungen des Lokführers interessiert zu.

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Pünktlich gibt der Kondukteur die Fahrt nach Solis frei. Mühelos beschleunigt die moderne Lokomotive den Sechswagenzug auf Streckengeschwindigkeit. Unterhalb des Dorfes Burgfelden passieren unsere Reisenden die Dorfstrasse und umrunden das Dorf in einer weiten Schlaufe, die im hintersten Dorfteil durch einen kurzen Tunnel führt. Linkerhand erblickt Peter nach dem Tunnel die stattliche Dorfkirche und den direkt am Gleis gelegenen Friedhof. Für einen kurzen Moment wird der Blick frei auf den nun unter ihnen liegenden Bahnhof von Burgfelden. Die Bahnlinie wendet sich jedoch gleich nach rechts, um auf einer imposanten Steinbogenbrücke die enge Schlucht der Muhr in schwindelerregender Höhe zu überqueren. Peter kann die schäumenden Wasser in der dunkeln Schlucht kaum ausmachen. Nach der Brücke geht der Blick aus dem Führerstand auf die beeindruckende Strecke, die sich an die steile Schluchtflanke schmiegt. Nah am Gleis stürzt ein stiebender Wasserfall unter einer Stahlfachwerkbrücke hindurch in die Schlucht. Das nächste Einfahrsignal kündet das nahe Ende der Überraschungsfahrt an. Nachdem ein kurzer Tunnel passiert ist, bringt der Lokführer den Schnellzug punktgenau vor dem Bahnhofsgebäude von Solis zum Stehen. Bevor sich Peter vom Lokführer verabschieden und bei Onkel Max bedanken kann, entdeckt er im kleinen Depot ein braunes Krokodil und eine Dampflokomotive von RhB Historic. Ob Onkel Max noch einen Depotbesuch organisiert hat?

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